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Ein «Denk-Mal» für Verding- und Heimkinder in Rathausen enthüllt

Ein Apfelbaum, von dessen Früchten alle ungestraft pflücken dürfen, wurzelt seit wenigen Tagen mitten auf dem Areal der Stiftung für Schwerbehinderte Luzern SSBL in Rathausen. Das «Denk-Mal» der katholischen Landeskirche erinnert an das Schicksal von Heim- und Verdingkindern.

Sie freuen sich über das «Denk-Mal» (von links): Hans Egli (Buchrain) und Florian Flohr (Luzern, Synodalen, Initianten des Vorstosses, der zum «Denk-Mal» führte); Maria Graf (Oberkirch, Synodalrätin), Antoinette May (Buchrain, Selbsthilfegruppe «Heim- und Verdingkinder suchen ihre Spur») und Jörg Trottmann (Luzern, Synodalrat). Bild lukath.ch

Sie freuen sich über das «Denk-Mal» (von links): Hans Egli (Buchrain) und Florian Flohr (Luzern, Synodalen, Initianten des Vorstosses, der zum «Denk-Mal» führte); Maria Graf (Oberkirch, Synodalrätin), Antoinette May (Buchrain, Selbsthilfegruppe «Heim- und Verdingkinder suchen ihre Spur») und Jörg Trottmann (Luzern, Synodalrat). Bild lukath.ch

«Wer hungrig oder wehen Herzens einen Apfel stibitzt, ist kein Dieb», heisst es auf der Tafel neben dem Baum, die am Sonntag, 23. August, am Rand des Rathausen-Fests enthüllt wurde. Und: «Zur Erinnerung an das Schicksal von Verding- und Heimkindern, als Mahnung, dass sich Unrecht nicht wiederholt, in der Hoffnung, dass Wunden heilen, zum Dank für alle, die Notleidenden grosszügig begegneten». Unterzeichnet ist die Tafel mit «Die Luzerner Katholikinnen und Katholiken».

Mitverantwortung tragen
Das «Denk-Mal» geht auf einen Vorstoss aus der Synode, dem Kirchenparlament, zurück. Am 5. November 2008 hatte diese eine Erklärung verabschiedet, mit der sie ein Zeichen der Entschuldigung und Versöhnung setzen wollte für das Unrecht, das Verding- und Heimkindern bis in die fünfziger Jahre erfuhren – unter anderem in Heimen, die meist in der Verantwortung der staatlichen Behörden standen und von kirchlichen Ordensgemeinschaften betreut wurden. Die Erklärung regt an, an geeigneten Orten ein «Denk-Mal» zu errichten, «als stete Erinnerung für den Vorrang der Menschenwürde der Schwachen und Benachteiligten vor allen anderen Interessen». Die Geschichte mancher ehemaliger Heimkinder ist eng mit dem früheren Erziehungsheim Rathausen verbunden.

Die Landeskirche sei oft gefragt worden, weshalb sie dies tue. Sie sei ja nicht verantwortlich für das frühere Verding- und Heimwesen, da sie damals noch gar nicht bestanden habe, sagte Synodalrat Jörg Trottmann an der Enthüllung. Es gebe drei Gründe dafür.

Wer sich als Teil der Gesellschaft verstehe, sei mitverantwortlich dafür, was diese Gesellschaft tue. «Darum ist es folgerichtig, dass sich die Vertreterinnen und Vertreter des Kirchenvolkes als katholische Luzernerinnen und Luzerner stellvertretend für die damalige Öffentlichkeit entschuldigen.» Weiter gehe es darum, die Betroffenen ernst zu nehmen, sagte Trottmann: «Wir geben ihnen zu verstehen, dass wir das Geschehene zwar nicht ungeschehen machen können, aber dass wir gehört haben, dass vieles nicht gut lief und wir den damit verbundenen Schmerz mitspüren und nicht ‹vernütigen› wollen.» Schliesslich habe Erinnerung etwas mit innen zu tun. «Wir wollen uns den Schattenseiten der damaligen Zeit stellen, damit wir deren Fehler nicht heute wiederholen. Zum Beispiel den Fehler, dass wir meinen, auf unangepasstes Verhalten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund brauche man nur mit Härte und Zucht, oder gar mit Ausweisung zu reagieren: Dann würden sie und die übrigen von selbst zu rechten Schweizerinnen und Schweizern.»

«Für uns ein Meilenstein»
An der Enthüllung nahmen auch Regierungsrat Markus Dürr sowie Vertreterinnen und Vertreter der Selbsthilfegruppe «Verding- und Heimkinder suchen ihre Spur» teil. Deren Sprecherin Antoinette May (Buchrain) bedankte sich. Das «Denk-Mal» sei «für uns ehemalige Verdingkinder ein Meilenstein auf unserem Weg der Versöhnung mit unserem Schicksal, eine zutiefst wohltuende Erfahrung und Grund zur Freude».

Aus der Geschichte lernen
Die Stiftung für Schwerbehinderte Luzern SSBL stelle gerne den Platz für das «Denk-Mal» zur Verfügung, sagte Stiftungsratspräsidentin Margrit Fischer. «Wir wollen das Unrecht, das diesen Kindern angetan wurde, nicht einfach hinnehmen und darüber schweigen. Manchmal lernen wir aus der Geschichte.» Jörg Trottmann dankte der SSBL für ihr Mitmachen: Damit mache die Stiftung deutlich, dass ihr Leitspruch «z’mitst drin» für alle Menschen gelte, die Gefahr liefen, an den Rand gedrängt zu werden, ganz gleich, ob dies aktuell, künftig oder schon vergangen sei.

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